Zweifel zulassen – an Fehlern wachsen
Wir alle lernen ein Leben lang, auch Lehrer*innen. Professionelle Entwicklung gelingt parallel zum Job nur als kontinuierlicher Prozess.
Dieser gelingt durch Wechselwirkung von Reflexion & dem Versuch der Umsetzung. Beides muss dazu freiwillig sein: Daher laden wir Euch nur ein! Was, wann und wie Ihr tut liegt bei Euch 🙂
Basis dafür sind eigene Einstellungen & Überzeugungen. Deshalb ist einiges provokant formuliert, um zu irritieren.
Du, Lehrer, sei nicht so respektlos! – Wir erzählen dir wie.
Respekt. Viele sagen das Wort – aber nur wenige wollen wirklich verstehen, was es für andere bedeutet. Dabei gibt es Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Man muss nur aufhören zu urteilen – und anfangen zuzuhören.
Vielleicht mal die Perspektive wechseln?!
A: Dritte Reihe, wie immer. Ich schiebe den Stift hin und her, starre auf das leere Arbeitsblatt. Ich wusste schon beim Aufstehen, dass ich’s nicht geschafft habe. Keine Zeit. Kein ruhiger Moment. Nicht diese Woche. Aber wie erklärt man das jemandem, der denkt, Zuhause sei nur Freizeit? ….
…. Die Lehrer*in ist genervt von mir und murmelt vor sich hin „Wofür mache ich mir die Mühe Aufgaben für euch vorzu-bereiten? So respektlos.” Mit spitzer, lauter Stimme fährt Sie mich an – ich erschrecke mich fast. „Immer Ausreden. Kein Wunder, dass du schlechte
Noten hast.”
Es ist nicht mal ein neues, überraschendes Gefühl. Eher dieses Brennen im Hals, wenn jemand dich verurteilt, ohne je gefragt zu haben. Für einen Moment sage ich nichts, dann doch:
„Ich teile mir ein Zimmer mit drei Geschwistern. Nach der Schule arbeite ich im Laden. Zählt das für Sie auch nur als billige Ausrede?“
Ich sehe, wie sie kurz innehält. Erst etwas schockiert, empört, dann glätten sich Ihre Gesichtszüge etwas. Sie schaut mich nicht direkt an, aber irgendwas in ihrem Gesicht verändert sich.
Ich hätte auch einfach still bleiben können. So wie sonst. Lächeln, nicken, sitzen. Aber irgendwas in mir wollte das heute nicht mehr. Wollte nicht mehr so respektlos behandelt werden. Vielleicht, weil ich’s selbst satt hab, mich immer nur zu entschuldigen dafür, wie mein Leben eben ist.
Sie zögert, schaut mich an und sagt leiser: „Entschuldige, das wusste ich nicht.”
B: Dienstagmorgen, dritte Stunde. Mein Kopf brummt noch vom Elternabend gestern. Ich bin nicht in Stimmung für Diskussionen. Hanna sitzt wie immer hinten, die Hausaufgaben fehlen – wie so oft. Ich spüre, wie ich die Geduld verliere. Ich meckere sie an: „Immer Ausreden. Kein Wunder, dass du schlechte Noten hast.“ …..
…. Kaum ausgesprochen, merke ich selbst, wie platt das klingt. Aber zurücknehmen geht nicht. Dann hebt sie den Blick – und sagt etwas, das mich trifft.
„Ich teile mir ein Zimmer mit drei Geschwistern. Nach der Schule arbeite ich im Laden. Zählt das für Sie auch nur als billige Ausrede?“
Stille. Ich habe mit vielem gerechnet – mit Ausflüchten, mit einem Schulterzucken. Aber nicht damit. Nicht mit dieser Nüchternheit, die so gar nicht nach Entschuldigung klingt.
Ich zögere, meine Gedanken rasen. Ich blicke kurz aus dem Fenster, um mich zu beruhigen. War das respektlos von mir? Wieso wusste ich das nicht?
Ich blicke zu Hanna. Ihr Blick ist klar, fest auf mich gerichtet. Ich spüre Druck. „Entschuldige, das wusste ich nicht.” platzt aus mir heraus. Dieser Satz kam von ganz unten – aus dem Bauch. Etwas unüberlegt und doch fühlt es sich gut an.
Später erzähle ich Birgit, meiner Lieblingskolleg*in von der Situation. „Es fällt oft schwer eigene Fehler zuzugeben. Aber die Schüler*innen schätzen das!” sagt sie im Weggehen.
Ein Witz macht den Unterricht nicht schlechter – oder?
Montagmorgen, dritte Stunde, Politikunterricht. Es nieselt draußen, drinnen müde Gesichter. Ich stehe an der Tafel, heute geht’s um Jugendkriminalität. Die Klasse ist unruhig, Stimmengewirr. Ich schnappe nur einige Fetzen auf.
„Ihh!!! Tim hat schon wieder Kaugummi untern Tisch geklebt!“
„Der Junge braucht echt ’ne eigene Ausstellung…“
Einige kichern. Ich drehe mich langsam um, schaue zu Tim. Erst streng mit einem kleinen Grinsen… Ich schweige, es entsteht eine dramatische Pause. Die Klasse verstummt langsam.
Ich seufze theatralisch und sage schließlich mit einem Lächeln: „Tim… willst du hier etwa eine Kaugummi-Kunstgalerie eröffnen?“
Svenja ruft begeistert: „Boah, können wir Tickets verkaufen?“
Tim sagt kleinlaut: „Nee… war nur aus Versehen.“
Ich entgegne: „Ich würde dir ja dringend zu einer Karriere als Künstler raten – aber vielleicht mit weniger ekligem Material.“ Die Klasse lacht. Tim verzieht das Gesicht, steht auf und holt sich was zum abkratzen.
Paul ruft lachend: „Willst du dein Kunstwerk wirklich zerstören?“
Tim zieht eine Show ab: Verbeugt sich leicht wie ein Künstler, schlendert dramatisch zum Waschbecken, greift nach dem Lappen. „Ich nenne es: Revoltein Kaugummi-Rosa.“
Muss man anerkennen, denke ich: „Sehr expressiv. Ich hätte gesagt: Klebrige Rebellion. Vielleicht empfehlen wir dich für den nächsten Kunstpreis der Stadt.“
Noch mehr Gelächter. Ich muss auch lachen. Langsam ist die Klasse auch wach. Tim wischt den Tisch ab. „So, jetzt fangen wir aber an. Thema passt irgendwie dazu.“ sage ich noch lachend.
Achtest Du wirklich nicht auf Aussehen und Herkunft der Schüler*innen? – oder vielleicht doch?
Nicht immer sehen wir, was hinter einer Situation steckt. Oft urteilen wir schnell – das ist normal. Wichtig ist, mit den Fehlern im Alltag – vor allem bei Diskriminierung – offen umzugehen. Vielleicht um Entschuldigung zu bitten, es vielleicht wieder gut machen. In jedem Fall ein Vorbild sein, wir machen alle Fehler. Und aus Euren sollten Schüler*innen lernen dürfen.
Diskriminiert mein Unterricht? – Sprich drüber!
…mit Kolleg*innen, …mit Freund*innen, …mit Schüler*innen
Manchmal erscheint es auf den ersten Blick ganz anders, wenn an einem verregneten Dienstagmorgen um 8:05 Uhr der Arbeitstag startet. Ich bin müde. Zu wenig geschlafen, zu viele Korrekturen, wieder spät dran. Es riecht nach nassem Asphalt und nach…
Es richt, nein – stinkt nach Zigarettenrauch. Ich betrete den Raum und da sitzt sie. Kapuze tief im Gesicht, Blick auf den Tisch. Ich runzle die Stirn. Dieser Gestank. Ich kann kaum atmen. Reflexartig rutscht es mir raus: „Du stinkst nach Rauch. Widerlich. Setz dich weg von mir.“
Stille – Einige drehen sich um, kichern kurz. Ich will schon weitermachen, da höre ich sie sagen – leise, ohne aufzusehen: „Ich war heute Nacht nicht zu Hause. Ich war bei meinem Vater, er raucht. Ich rieche nicht gern nach ihm.“
Ich gucke verwirrt. Wie, nicht zu Hause? Was meint Sie damit? Ich spüre, wie sich mein Magen zusammenzieht. Warum hab ich das gesagt?
oIch dachte, ich sag einfach was, damit sie sich umsetzt.
oIch hab nicht nachgedacht… nicht darüber, was das mit ihr macht… …nicht darüber, dass es vielleicht Gründe gibt.
oIch habe nicht gemerkt, dass sie die Jacke nicht abnahm, weil sie sich schämte… nicht nachgefragt.
Ich sehe sie an. Sie ist immer noch da. Immer noch leise. Und ich? Ich bin gerade jemand geworden, der ich nie sein wollte. Ich räuspere mich. Versuche etwas zu sagen. Es fällt mir schwer, ich zögere… „Tut mir leid.“
Diskutieren, immer gut! Aber man muss die Risiken für die Schüler*innen mitdenken.
Beim Diskutieren sind alle Meinungen gleichwertig. Man sollte nicht das Gefühl bekommen, die eigene Meinung wird abgewertet.
Offenes Diskutieren bringt auch Risiken mit sich. Nicht alle können sich gleich beteiligen. Manchmal werden Schüler*innen angefeindet. Wer angefeindet wird, ist kein Zufall! Es hängt mit gesellschaftlicher Position und Diskriminierung zusammen.
Die Schüler*innen sind durch den Wind als ich den Raum betrete…
… Irgendwie kommen wir nicht in Gang. Es scheint, als sei wirklich niemand bei der Sache. „Was ist los?“ Keine Antwort. Schweigen. Schließlich meldet sich Mia: „Wir hatten grad ne Doppelstunde zu Menschenrechten.“ Aus der Ecke höre ich: „Und Herrn Müller war’s total egal, dass Yusuf letzte Woche abgeschoben wurde.“
Eigentlich ging’s um Fußball, plötzlich geht’s um Geschlechtergerechtigkeit….
… Seit Wochen kommt das Thema immer mal wieder auf. Heute ist die Diskussion unerwartet hitzig: „Sexist.“ „Frauen* können das genau so gut!“ „Das meine ich nicht so.“ „Frauen* werden oft beschissen behandelt.“ „Reg dich nicht so auf!“ „Herr Fischer macht auch immer so dumme Witze, scheiß Macker!“
„Gut, gut, gut. Jetzt mal eins nach dem anderen“ höre ich mich sagen. Die geplante Stunde ist gelaufen. Aber das Gespräch war am Ende doch gut, denke ich. Oder hassen sich jetzt alle gegenseitig? „Wie war die Diskussion für euch? Könnt ihr euch vertragen und trotzdem politisch anderer Meinung sein?“
